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Paps-Web-Artikel | „Nach Abpfiff ist nicht Schluss“ |
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Frauen als Fans von Männerfußball Ein sonniger Oktobersonntag in der Münchner Fußgängerzone. Das bunte Treiben ist geprägt von Fußballfans, denn heute findet ein Spiel der 2. Bundesliga zwischen 1860 München und Alemannia Aachen statt. Hier und da sieht man Fangruppen, die in der Sonne stehen und wie „richtige Touristen“ ein paar Erinnerungsfotos machen. Von den Touristen gut zu unterscheiden sind sie jedoch durch ihre Kleidung – die Kennzeichen ihrer Mannschaft, zumeist Schals, setzen den farblichen Akzent. ![]() Frauen im Stadion hat es immer gegeben Überraschendes aus Frauenmund? Weibliche Fans gab es seit den 1920er Jahren auf den Rängen der deutschen Fußballstadien. Frauen, die sich in der Weimarer Zeit eine unabhängige Freizeitgestaltung eroberten, genossen die Spiele in weitgehend friedlicher Atmosphäre, auch wenn die Damen in ihren weißen Sommerkleidern meist belächelt wurden. In den Nachkriegsjahrzehnten ließ der Besuch weiblicher Fans in den Stadien zunächst nach. Statistische Erhebungen, die den Anteil weiblicher Fans in den Stadien zeigen, gibt es in Deutschland erst seit einigen Jahren. Dennoch wird angenommen, dass der Frauenanteil von ca. 15 – 20% in den 1980er Jahren auf nunmehr 25 – 30 % gestiegen ist. In manchen Stadien zählt man noch mehr Frauen, wie etwa in Freiburg mit über 35%, oder Mainz mit mehr als 40 %. Zu diesen Stadien scheint auch das Tivoli in Aachen zu gehören. Nach Aussagen der Interviewten hat der Frauenanteil in den letzten Jahren rasant zugenommen. Sie schätzen, dass etwa 40 – 50 % der anwesenden Fans Frauen und Mädchen sind. Auffällig ist, dass Mainz, Freiburg und Aachen ebenso wie St. Pauli Mannschaften mit einem speziellen Kultstatus sind, die alternativ angehauchte Fangruppen anziehen. Ob dies einen Einfluss auf ihre Anziehungskraft auf Frauen ausübt, ist nicht belegt. ![]() Frauen und Mädchen in der Männerwelt Fußball wird in den Medien nach wie vor als „Männerwelt“ inszeniert. Die Eigenwerbung der Sender für ihre Sportsendungen spielt mit diesem Klischee, wenn sie Frauen auf der Straße nach den ‚Nebenwirkungen’ der Bundesliga bei ihren Männern befragen lässt. Andere Spots zeigen, wie Männer ihre Partnerinnen austricksen, um mit den Kumpels Fußball gucken zu können: Die Mitbewohnerin wird liebevoll zum Eistanz vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher platziert, während die Jungs nebenan vor dem Flachbildschirm auf den Spielbeginn anstoßen. Teenies werden in der Werbung zu Groupies, die nur an den gut aussehenden Stars und deren Telefonnummern interessiert sind. Und die „Sportschau“ wirbt damit, dass man den Papi Samstags nach 18.00 entbehren muss. Ob in Rostock „Miss Hansa“ gewählt wird, oder ein Bindenhersteller 1000 Frauen ins Stadion einlädt und mit Schals und Mützen ausstaffiert – diese ‚Events’ bekräftigen nur die vermeintliche Außenseiterrolle von Frauen im Männerfußball. Sie treten in der Regel als Funktionärs- und Spielerfrauen in das Licht der Öffentlichkeit. Und bei Live-Übertragungen zoomen die Kameras schon mal auf besonders attraktive, leicht bekleidete weibliche Fans. Auch ein Kommentar, dass die Hälfte der weiblichen Fans im Mainzer Stadion ein Kind vom Trainer wollen, hilft nicht wirklich, die tatsächliche Situation von Frauen als Fußballfans einzuschätzen. Der Blick ins Stadionrund, ob in Hamburg, München oder Dortmund, zeigt eine andere Wirklichkeit. Bundesweit ist man bestrebt, Fußballspiele mehr und mehr als ‚Familienevents’ anzupreisen und damit neue Besucher anzuziehen. Moderne Stadienbauten wollen weibliche Besucher neuerdings durch den Einbau von Boutiquen berücksichtigen. Außerdem wächst mit dem Status von Spielern wie Beckham oder Ballack, die von den Medien zu Popstars stilisiert werden, das Interesse neuer Gruppen am Fußball. Die Stimmung in den Stadien ist heute weit weniger aggressiv und gewalttätig, und damit ist die Hemmschwelle für einen Besuch im Stadion gesunken. Diese Veränderungen werden von den „harten“ Fans durchaus nicht immer gern gesehen. Die kochende Stimmung, die Aufregung, das Herzklopfen, hervorgerufen durch die Gesänge und Aktionen der Fans beider Mannschaften, das alles liegt den eingefleischten Stadionbesuchern am Herzen – auch den Frauen. Frauen zeigen Flagge Unter den Fanclubs, die in den Stadien ‚Flagge zeigen’, gibt es eine zunehmende Zahl von Frauen-Fanclubs: beispielsweise die Always Ultras in Köln, der Hausfrauenmob in Ulm, oder die Tivoli Tussen in Aachen, die ironisch mit dem Weiblichkeitsklischee spielen, indem sie ein rosafarbenes Transparent mit romantischen Schriftzügen zeigen. Die Männer haben sich angeblich langsam daran gewöhnt, es im Stadion zu sehen. Die Sport-Journalistin Katrin Weber-Klüwer verglich das Gefühl, ein weiblicher Fußballfan zu sein, einmal mit dem Gefühl eines Einwanderers in seinem neuen Heimatland. So ganz könne eine Frau nie dazu gehören. Dieses Gefühl ist den Frauen im Stadion, die sich von klein auf ihren Platz erobert haben, fremd. Sandra F. fasst zusammen, was auch ihre Freundinnen bestätigen: „Es gibt keinen Unterschied zwischen mir als weiblichem Geschlecht und den Männern, da ich mich wie Männer auf das Spiel konzentriere und nicht auf die Spieler.“ Sandra B. und Sonja sagen über ihr Verhältnis zu den männlichen Fans: „... eigentlich behandeln sie uns gut; natürlich gibt es da Ausnahmen. Zum Teil ist es aber auch nachvollziehbar, wenn sie sich über Frauen im Stadion aufregen, die zum Beispiel die Abseitsregel nicht kennen oder mit hohen Schuhen und im Rock ins Stadion kommen... Aber wenn man ihnen zeigt, dass man Ahnung hat und nicht nur ‚wegen den Männern’ ins Stadion geht, dann wird man auch respektiert.“ Hier kommt ein Aspekt zum Ausdruck, der sich in vergleichbaren Interviews immer wieder findet: Die Frauen agieren ‚wie die Männer’ und verdienen sich deren Respekt durch ihr Wissen und ihre Haltung. Sie grenzen sich von anderen Frauen, die erkennbar keine ‚echten Fans’, sondern ‚Gelegenheitsguckerinnen’ oder ‚Tussis’ (Begleiterinnen) sind, ab. Dazu gehört auch, die sexistische Sprache der Spielbeschreibungen, und den ein oder anderen sexistischen Spruch zu ignorieren oder zu tolerieren. Nicole Selmer, die ein Buch über weibliche Fans geschrieben hat, sagt dazu: „... irgendwie wird das von den Frauen in Fußballstadien eher hingenommen als in anderen Umfeldern. Ich entdecke diese Duldsamkeit auch an mir selbst, wenn ich dumm angemacht werde. Immerhin, tröste ich mich dann, ist das ja einer, der für meinen Verein hält und damit automatisch zu den Guten zählt. Außerdem habe ich keine Lust, im Stadion feministische Feldzüge zu führen, sondern ich will Fußball gucken. Aber ärgerlich ist das schon, weil implizit unsere Kompetenz angezweifelt und offen gefragt wird: Was willste eigentlich hier, wenn man dich nicht mal anrempeln darf?“ Selmer will, wie die meisten Frauen, die in den letzten zwei Jahrzehnten ihre Plätze in den deutschen Stadien eingenommen haben, nur das eine – Fußball gucken, ihre Sportbegeisterung leben und ihre Mannschaft unterstützen. Frauen sind längst angekommen in der Männerbastion, und fiebern der WM entgegen! „Ein Tag voller Rituale!“ Die vier Fans von Alemannia Aachen erleben den Spieltag als Höhepunkt ihrer Woche. Ob Freitags bei der Arbeit, in der Schule oder Sonntags am Frühstückstisch – das Fieber steigt. Sandra F. ist Freitag morgens schon sehr nervös und freut sich. Ihre Kollegen wissen um ihre Vorfreude: „Um 12 Uhr wenn ich meinen Kollegen tschüss sage, kommt meine Kollegin Maria zu mir und sagt: ‚Wenn die Jungs heute Abend nicht gewinnen, dann bekommst du Montag morgen eine eiskalte Wasserdusche von mir!’ - das sagt sie jetzt vor jedem Spiel und seitdem sie das sagt, haben wir noch kein Spiel verloren...“ Der Aberglaube spielt eine große Rolle in den Vorbereitungen der vier Frauen auf das Spiel. Vor allem die richtige Kleidung ist wichtig: Durch ‚magisches Denken’ – immer wenn ich dieses Trikot anziehe, gewinnen wir, also ziehe ich es immer wieder an – wird der Sieg herbeibeschworen. Verena erzählt: „Mittlerweile ist es für mich selbstverständlich, dass ich mir bei den Spielen zwei geflochtene Zöpfe machen. Diese Zöpfe haben nach Niederlagen meist Siege mit sich gebracht und deshalb müssen die sein! Dann kommen nur noch die Schals und es kann losgehen.“ Sandra B. erzählt: „Das Anziehen gestaltet sich mal wieder problematisch. Haben wir mit dem Uefacup-T-shirt das letzte Spiel verloren? Welche Socken hatte ich beim letzten Mal an? Und dann noch die ständige Frage nach dem richtigen Trikot?!?!? zu Hause fällt die Wahl auf das gelbe Uefacup Trikot aus der letzten Saison - schließlich haben wir damit zu Hause noch nie verloren. Und auswärts, da ziehe ich das rote Trikot von Emil (Noll) an (auch wenn es eigentlich nicht unsere Farben sind) - denn schließlich haben wir damit auswärts seitdem er es in Dresden getragen hatte, auch nicht mehr verloren... Die Frage nach den Schals ist auch schnell geklärt - wie immer 3 und wie immer die gleichen! Auf der Fahrt zum Stadion fängt das Kribbeln an... überall an den Haltestellen in und um Aachen sieht man nur schwarz gelb - einfach geil!!!“ Für Sonja beginnt an einem Spieltag um 12.00 Uhr „das Anziehen - ein Akt, der sich an jedem Spieltag aufs neue wiederholt: immer das gleiche Alemannia T-Shirt, Rolli, Alemannia-Trainingsjacke & Pulli, Trikot; im Sommer allerdings nur T-Shirt und Trikot und 3 Schals, 1 um den Hals und die beiden anderen ums Handgelenk (natürlich habe ich mehr als 3, aber die bringen Unglück).“ Auch Sandra F., bekleidet mit ihrem Alexander-Klitzpera-Trikot, packt ihre Schals ins Auto, hängt einen aus dem Fenster und holt ihre Schwester und ihren Vater ab: „Auf dem Weg zur Kasse diskutieren meine Schwester und ich schon über die Aufstellung. Wenn wir dann endlich im Stadion sind, wird erst mal das Tivoli-Echo (Stadionzeitung) gelesen und dann läuft die Mannschaft endlich ein und die Stimmung geht los. Mit das wichtigste ist für mich das Mitschreien bei der Mannschaftsaufstellung und die Platzwahl zu gewinnen. Während des Spiels die gute Stimmung mitmachen und ich bin sehr nervös wenn die Gegner in unsere Hälfte kommen. Fieber für unsere Jungs je näher sie das gegnerische Tor erreichen immer mehr mit. Wenn wir ein Tor geschossen haben, freuen wir uns erst, schreien laut und dann umarmen wir uns - die Freude ist groß. Halbzeitpause dauert mir zu lange... Aachen hat natürlich gewonnen und wir feiern unsere Mannschaft - das ist für mich mit das schönste am Sieg, mit der Mannschaft zu feiern.“ Sandra B. schildert den Spielverlauf: „Und dann um 14.30Uhr laufen die anderen Jungs ein - jetzt geht’s erst richtig los.... das Stadion bebt! Und die Stimmung ist kaum noch zu überbieten. Und dann kommt auch noch „You´ll never walk alone“ - Gänsehaut pur! 20.000 Schals - das Lied aus 20.000 Kehlen - einfach geil!!!! So was gibt’s sonst nur in Liverpool!!!! Und natürlich auf dem Aachener Tivoli!! ... ach ja, wir haben übrigens nur Fußballgötter in der Mannschaft! 14.59Uhr: Jetzt laufen sie ein - das Stadion tobt - Fahne über Fahne.... - es ist einfach unbeschreiblich. Schon jetzt hat man kaum noch Stimme.... aber es ist einfach nur geil!!! 15Uhr: Erik (Meijer) geht zur Mittellinie - zittern & bangen - puh... Wahl gewonnen! Der Sieg ist uns sicher!!!! 15.01Uhr: Das Spiel beginnt! Jetzt heißt es 90 Minuten lang Gas geben.... Hüpfen, springen, schreien, schwitzen... - alles was das Herz begehrt. 16.50Uhr: Das Spiel ist aus!!!! Und jetzt geht die Party richtig los... erst die Welle, dann die Humba und dann auch noch tanzen! Jaja, das ist die Party bei der Alemannia! So was gibt’s auch nur in Aachen... 15 Minuten nach dem Abpfiff und das Stadion ist noch immer voll, die Spieler tanzen & hüpfen über den Rasen und die noch immer fast 20.000 singen: „Wir sind stolz auf unser Team!“ Das Gefühl ist einfach unbeschreiblich - man muss es erst miterlebt haben um das alles nachvollziehen zu können. Aber eins ist sicher: So ein Verhältnis wie es bei Alemannia zwischen Fans und Mannschaft gibt, gibt’s nicht oft!!!“ Sonja sagt, „ob gewonnen oder verloren, egal - trotzdem wird die Mannschaft gefeiert - das Stadion wird erst verlassen, wenn die Mannschaft in der Kabine ist (egal wie’s ausgeht)!“ Verena fasst den Tag zusammen: „Wenn sie verlieren, bin ich teilweise ein zwei Abende ziemlich bedrückt und hasse einfach die Verallgemeinerungen, den Aufstieg würden sie ja nie schaffen. Doch die Siege und die Feier danach ist einfach großartig. Für mich hört das Spiel nie auf. Egal ob es gut oder schlecht war, nach Abpfiff ist nicht Schluss. Nachdem die Mannschaft ihre Runde gedreht hat, treffen wir vier uns draußen vor dem Stadion. Wir feiern, und ärgern uns zusammen, wir diskutieren das Spiel aus. Am nächsten Tag ist das Spiel immer noch so präsent wie am Abend zuvor und ich brauch ’ne Zeit eh ich akzeptier’, das Spiel ist vorbei. Denn am liebsten wäre ich jeden Tag auf dem Tivoli!“ |









